Fast drei Wochen lang hielten sich internationale Medien und trauernde Familien an eine einzige, tragische Erklärung: Riccardo Minghetti, der 38-jährige italienische Finanzier und Stammgast des Fünf-Sterne-Hotels Crans-Montana Palace & Spa, starb bei dem verheerenden Brand, der das historische Resort in der Nacht des 28. Dezember 2025 zerstörte. Das Feuer, das sieben Menschenleben forderte und einen geschätzten Schaden von 180 Millionen Schweizer Franken verursachte, wurde schnell auf einen elektrischen Defekt im Spa-Bereich im Untergeschoss zurückgeführt.Die Schweizer Behörden haben erste Erkenntnisse über ein rasendes Feuer veröffentlicht, das mehreren in den oberen Stockwerken eingeschlossenen Gästen die Flucht unmöglich machte.

Diese Geschichte begann sich am 17. Januar aufzulösen, als das Kantonale Institut für Rechtsmedizin des Wallis in Sitten den endgültigen Autopsiebericht von Minghetti veröffentlichte, einem der letzten Opfer, dessen Leiche wenige Tage zuvor zweifelsfrei identifiziert worden war. Das 68-seitige Dokument, dessen Teile von mehreren europäischen Ermittlungsbehörden beschafft wurden, enthält einen einzigen Satz, der die Schweiz und darüber hinaus schockierte:
Die Todesursache spricht nicht für eine Verbrennung oder Rauchvergiftung. Die Kohlenmonoxid-Sättigung im Blut beträgt 8 % und liegt damit deutlich unterhalb der letalen Grenze. Es liegen ein Lungenödem und Petechien vor, Rußablagerungen in den Atemwegen sind jedoch minimal oder fehlen. Der Tod ist höchstwahrscheinlich auf einen akuten Herz-Kreislauf-Stillstand infolge einer vorbestehenden Erstickung zurückzuführen.Einfach ausgedrückt: Riccardo Minghetti war bereits tot – oder zumindest bewusstlos und im Sterben –, bevor die Flammen ihn erreichten.

Dr. Élise Fournier, die Gerichtsmedizinerin, die die Untersuchung durchführte, bestätigte während einer streng kontrollierten Pressekonferenz, dass die Lunge fast keine Ruß- oder Verkohlungsspuren in den Bronchiolen aufwies, ein Zeichen für einen Tod durch Feuer oder Rauch.Stattdessen wiesen die Gewebe klassische Anzeichen einer mechanischen Erstickung auf: winzige geplatzte Kapillaren um Augen und Mund, Stauungen in der Halsmuskulatur und eine ausgeprägte Strangulationsrinne an der Vorderseite des Halses, die zuvor als postmortales Artefakt durch herabfallende Trümmer abgetan worden war.

„Die Furche ist 1,4 cm breit und verläuft diagonal von links nach rechts aufsteigend“, sagte Dr. Fournier. „Dieses Muster spricht nicht für eine zufällige Kompression durch zusammenfallendes Gewebe. Es deutet vielmehr auf eine manuelle Fixierung oder eine über einen längeren Zeitraum mit erheblicher Kraft angelegte Ligatur hin.“

Diese Enthüllung hat die bereits öffentlichkeitswirksame Tragödie in einen umfassenden Kriminalfall verwandelt. Die Schweizer Bundesanwaltschaft gab gestern Abend bekannt, dass der Fall von einem Unfalltod zu einem mutmaßlichen Tötungsdelikt hochgestuft wurde. Eine gemeinsame Ermittlungsgruppe mit dem Namen „Operation Kalte Asche“ wurde eingerichtet, bestehend aus der Kantonspolizei Wallis, dem Bundeskriminalamt (fedpol) und Interpol.
Minghetti war kein gewöhnlicher Urlauber. Der in Mailand geborene Private-Equity-Spezialist hatte sich ein Vermögen durch die Beratung vermögender Anleger in den Bereichen grenzüberschreitende Steuerstrukturierung und alternative Anlagen erwirtschaftet. In den zwei Jahren vor seinem Tod tauchte sein Name immer wieder in durchgesickerten Dokumenten im Zusammenhang mit dem sogenannten „Scudo Alpino“-Netzwerk auf, einer losen Gruppe europäischer Vermögensverwalter, die beschuldigt wurden, ihren Klienten bei der Verschleierung ihres Vermögens vor den italienischen, französischen und deutschen Steuerbehörden geholfen zu haben.

Aus den Mailänder Gerichtsakten geht hervor, dass gegen Minghetti seit März 2025 wegen schweren Steuerbetrugs und Geldwäsche ermittelt wird. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, zwischen 2021 und 2024 die Überweisung von über 420 Millionen Euro über ein Netzwerk von Liechtensteiner und Schweizer Trusts ermöglicht zu haben. Obwohl er noch nicht formell angeklagt wurde, berichten mit den Mailänder Ermittlungen vertraute Quellen, dass er kürzlich im Gegenzug für Straferlass mit den Behörden kooperiert.
Der Zeitpunkt ist beunruhigend. Minghetti checkte am 26. Dezember im Crans-Montana Palace ein, um, wie er dem Personal erklärte, „ein paar ruhige Tage mit Skifahren und Meetings“ zu verbringen. Aufnahmen der Hotelüberwachung, von denen Teile an die Schweizer Boulevardzeitung Blick durchgesickert sind, zeigen ihn bei seiner Ankunft allein, wie er am Abend des 27. Dezembers in der Lobbybar auf zwei unbekannte Männer trifft. Einer der Männer entspricht der Beschreibung eines ehemaligen Schweizer Privatbankiers, der 2023 nach Dubai floh, nachdem er in ähnliche Steuerhinterziehungsermittlungen verwickelt worden war.
Was das Feuer möglicherweise verborgen hat
Die offizielle Branduntersuchung des Instituts für Rechtsmedizin Zürich kam zunächst zu dem Schluss, dass ein Kurzschluss in der Sauna des Kurortes die Ursache war. Mehrere Feuerwehrleute, die in der Brandnacht im Einsatz waren, meldeten sich jedoch anonym und stellten die Geschwindigkeit und Intensität des Feuers infrage. Ein erfahrener Feuerwehrmann sagte der Zeitung „Tages-Anzeiger“: „Die Flammen breiteten sich ungewöhnlich aus, fast so, als ob an mehreren Stellen Brandbeschleuniger eingesetzt worden wäre.“
Der unabhängige Brandexperte Professor Laurent Moreau von der EPFL Lausanne, der auf Anfrage dieser Publikation öffentlich zugängliches Drohnenmaterial und Zeugenaussagen auswertete, bestätigt, dass das Brandmuster nicht auf einen einzigen Brandherd zurückzuführen ist. „Es scheinen mindestens drei verschiedene Zündstellen vorzuliegen: die Sauna, ein Versorgungskorridor im vierten Stock und ein mutmaßlicher Abstellraum in der Nähe der Penthouse-Suiten“, so Moreau. „Dies ist bei einem versehentlichen Gebäudebrand äußerst selten.“
Minghettis Wohnung befand sich im fünften Stock, direkt über einem der vermuteten Brandherde. Seine Leiche wurde in der Nähe des Flurfensters gefunden, was darauf hindeutet, dass er möglicherweise frische Luft schnappen oder um Hilfe rufen wollte. Die Autopsie ergab jedoch, dass er bereits tot war, als das Feuer diesen Stock erreichte.
Die Spuren von Erstickung lassen die beunruhigendste Möglichkeit offen: Jemand hat Minghetti erwürgt, den Tatort manipuliert, um es wie einen Unfall aussehen zu lassen, und dann absichtlich Feuer gelegt, um Beweise zu vernichten und mögliche Zeugen zu beseitigen. Sollte sich dies bewahrheiten, wären die anderen sechs Opfer – darunter ein französisches Paar, das seinen 25. Hochzeitstag feierte, und ein 14-jähriges Schweizer Mädchen auf einer Skifahrt mit der Schule – Kollateralschäden in einem der grausamsten Vertuschungsfälle der modernen Schweizer Geschichte gewesen.
Reaktionen und nächste Schritte
Die Familie Minghetti veröffentlichte über ihren Mailänder Anwalt eine kurze Erklärung, in der sie die Autopsie als „einen schmerzhaften, aber notwendigen Schritt in Richtung Gerechtigkeit“ bezeichnete. Sie beauftragte ein Team von Schweizer und italienischen Gerichtsmedizinern mit einer unabhängigen Untersuchung und setzte eine Belohnung von 500.000 Schweizer Franken für Hinweise aus, die zur Identifizierung und Verhaftung der Verantwortlichen führen.
Der italienische Finanzminister Giancarlo Giorgetti, dessen Ministerium die Ermittlungen wegen Steuerhinterziehung gegen Minghetti leitet, lehnte eine Stellungnahme zu den Details ab, bestätigte aber, dass „alle Ermittlungsansätze weiterhin verfolgt werden“. Die Schweizer Justizministerin Elisabeth Baume-Schneider nannte die Autopsiebefunde „äußerst beunruhigend“ und versprach, dass die Bundesbehörden „keine Mühen scheuen“ würden.
Der Luxusort, einst ein begehrtes Reiseziel der europäischen Elite, bleibt derweil geschlossen. Der Tourismusverband Crans-Montana schätzt die Verluste auf über 250 Millionen Schweizer Franken, inklusive Stornierungen und Reputationsschaden. Mehrere prominente Gäste, die für die kommende Wintersaison gebucht hatten, haben ihre Reservierungen stillschweigend nach Gstaad und Verbier verlegt.